Nachgedacht

Das Vermächtnis eines Mannes

26. September 2017

Lieber Papa,

ich vermisse dich. An jedem einzelnen Tag.
Und doch, manchmal, denke ich, dass es besser ist, dass du das nicht mehr erleben musst.

Aufgewachsen inmitten des zweiten Weltkrieges, zwischen Hass, Trümmern und Toten.

Du erzähltest von deinem ständigen Begleiter: Dem elendigen Hunger, der dich plagte. Das Essen war rationiert. Oma bekam Wertmarken, mit denen sie Essen einlösen konnte – aber das reichte vorne und hinten nicht. Um den Hunger zu unterdrücken, kautest du auf Schnürsenkeln herum. Einmal im Jahr, an deinem Geburtstag, bekamst du ein Laib Brot. Ein ganzes Laib. Für dich allein. Du erzähltest es uns und auch Jahrzehnte nach dem Krieg hörte man an deinen Worten, wie tief dieses Ereignis dich beeindruckte.

Für uns sind Nahrungsmittel selbstverständlich. Wir haben nie wirklichen Hunger leiden müssen – und wären beleidigt, wenn wir zu unserem Geburtstag nur ein Brot bekommen würden.

Du spieltest mit einem zusammengebundenen Bündel voller Lumpen Fußball auf einem Feld, als der Fliegeralarm losging. Du spieltest einfach weiter und versuchtest die Flieger zu ignorieren. Aber sie ignorierten euch nicht. Du ranntest im Zickzack querfeldein in die Felder, während sie auf euch schossen und es rechts und links von dir hämmernd einschlug.
Die Sirenen waren dein Alltag – zu Tag und in der Nacht. Die schweren Vorhänge habt ihr zugezogen, damit das Licht nicht durch die dunkle Stadt hellt und den Fliegern Angriffspunkte aufzeigt. Die Jacke war schnell über den Schlafanzug gezogen und die stets gepackten Taschen für den Bunker geschultert.
Du erzähltest oft von dieser einen Nacht: Die Sirene erschallte inmitten des Schlafes. Ihr gingt eurer Routine nach und lieft zum Bunker. Erst dort habt ihr gemerkt, dass ihr die Tante Renate vergessen habt. Sie war erst einige Monate alt und während du dachtest, dass Oma sie gepackt habe, ging sie davon aus, dass du deine Schwester mitnahmst.
Oma lief zurück zum Haus und holte das Baby unversehrt heraus. Wenig später ging im Nebenhaus die Bombe nieder.

Für uns ist Sicherheit selbstverständlich. Wir haben nie Ängste um unser Leben leiden müssen. Wir ruhen sanft auf unseren Kissen – und sind schon beleidigt, wenn unsere Nachtruhe durch streunende Katzen und ihr Gemauze unterbrochen wird.

Opa arbeitete seinerzeit untertage in der Zeche – und wurde sanktioniert, als es nicht an einer der berühmten Veranstaltungen teilnehmen wollte und den Gruß verweigerte.

Für uns ist Meinungsfreiheit selbstverständlich. Wir erfahren keine Strafen oder Sanktionen, wenn wir unsere Meinung vertreten – und sind schon beleidigt, wenn unsere Liebsfilme oder – interpreten keinen Anklang im Freundeskreis kriegen.

Was für uns selbstverständlich ist, war es für dich nicht.
Es ist für uns selbstverständlich, weil deine Generation dafür kämpfte und es uns so möglich machte.

 

Als du gingst, sagte ich nicht »Adieu.«.
Als du gingst, sagte ich »Wir sehen uns!«

Du bist nicht ganz fortgegangen.
Deine Geschichten und Erfahrungen sind tief in mir.

Vor ein paar Tagen habe ich eines deiner vielen Alben herausgekramt.
Zeitzeugnisse: Bilder, mit Schreibmaschinentexten untertitelt. Postkaten von der Front mit Motiven, für deren Abbild ich sicherlich abgemahnt werden würde. Das Kreuz der deutschen Mutter. Geldstücke und Marken. Du hast alles aufbewahrt, denn die Geschichte darf nicht vergessen werden – und jetzt ich habe alles bei mir. Und wenn ich mir diese Zeitzeugnisse anschaue, dann weiß ich eines ganz sicher:

In diese Richtung darf es nicht mehr gehen!

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